14 Berliner Flötisten

  • 12.06.2017
  • Aus dem Plattenschrank
  • Hans-Jürgen Schaal
  • Ausgabe: 6/2017
  • Seite 35

Ein Orchester, das nur aus Flöten besteht? Kann das funktionieren? Aber ja doch! Als Hörer des Albums bemerkt man vielleicht gar nicht sofort, dass hier nur Flöten am Werk sind. Mehrere Querflöten im Verbund können nämlich erstaunlich vielfältige, massive, fast körperschwere Klänge entwickeln.

Für Menschen, die die Flöte bislang vielleicht nicht allzu sehr geschätzt haben, könnte dieses Ensemble eine tönende Offenbarung sein. Das Spiel des Flötenorchesters klingt in den mittleren Lagen nämlich warm wie ein Rohrblattsatz und in den Tiefen kraftvoll wie eine Cellogruppe.

Und Tiefen gibt es hier in der Tat. Die üblichen sinfonischen Flöteninstrumente von Piccolo bis Bass wurden nämlich noch ergänzt durch die Bassflöte in F, die Kontrabassflöte und die Subkontrabassflöte. Letztere sind ziemlich monströse, manns- und übermannsgroße, mehrfach abgeknickte Gerätschaften, die man sonst nur selten zu Gesicht bekommt. Unvorbereitete könnten sie auf den ersten Blick für spezielle Wasserrohrleitungen oder raffinierte Lastkräne halten.

Das Flötenorchester: "Die 14 Berliner Flötisten"

Andreas Blau, Soloflötist der Berliner Philharmoniker, hat das Ensemble initiiert, das sich stolz "Die 14 Berliner Flötisten" nennt. Natürlich gibt es in Berlin noch mehr Flötenspieler als nur 14, aber selbst bei den Philharmonikern bekommt man kaum so viele zusammen. Also hat Blau auch Kollegen aus anderen Berliner Orchestern mobilisiert, aus der Staatskapelle, dem Deutschen Sinfonie-Orchester, dem Rundfunk-Sinfonieorchester, dem Orchester der Deutschen Oper, dem Orchester der Komischen Oper.

Geprobt wird in der Regel in einem der Häuser dieser Orchester, und zwar am späten Abend – nach den sinfonischen Konzerten. "Die Nachtpförtner der verschiedenen Häuser", heißt es im Begleittext, "kennen es schon, dass das jeweilige Orchester nach der Vorstellung nach Hause geht und sozusagen im Gegenverkehr 14 Flötisten ankommen, um noch ein paar Stunden zu arbeiten." 1996 gaben die 14 Berliner ihr erstes Konzert, mehrere Alben sind seitdem erschienen.

Pflichtprogramm: Debussys "Prélude à l´après-midi d´un faune"

Claude Debussys "Prélude à l´après-midi d´un faune" (Vorspiel zum Nachmittag eines Fauns) war für die 14 Flötisten eigentlich Pflichtprogramm. Erstens ist das Stück ein Gipfelpunkt der impressionistischen Ära, die der modernen Querflöte zur Emanzipation verhalf. Zweitens spielen schon in der Originalpartitur drei Flöten eine wichtige Rolle. Und drittens ist das Stück ja überhaupt eine Hommage an die Flöte und ihren mythischen Erfinder, den Gott Pan, den Ur-Faun.

Hat Debussys Melodie nicht den innersten Charakter dieses Instruments eingefangen, dieses kraftvolle Sehnen, diese atemwarme Utopie? Bei den 14 Flötisten atmet das Orchester als Ganzes, das Neun-Minuten-Stück wird zur Choreografie für Faune und Nymphen. Werner Tast, einer der Mitbegründer des Ensembles, der inzwischen im Ruhestand weilt, schrieb das Flöten-Arrangement.

Das Album "L’après-midi des flûtes"

Tast bearbeitete für das Album "L’après-midi des flûtes" auch Rimski-Korsakows "Hummelflug", Strauss’ "Serenade", Debussys "Valse romantique" und "Clair de Lune". Christiane Hupka, im Hauptberuf Flötistin bei der Staatskapelle Berlin und außerdem Geschäftsführerin der 14 Flötisten, steuerte weitere Arrangements zum Album bei (Dvořák und Reznicek).

Den Debussy-Schwerpunkt komplett macht eine Flötenbearbeitung der "Petite Suite" durch Joachim Schmeißer. In dieser kleinen Suite – und in anderen Stücken des Albums – klingen immer wieder modern gebrochene Reminiszenzen an alte Tänze durch. Welches Instrument wäre auch besser geeignet als die Flöte, um die Vergangenheit als ein luftiges, halb entfremdetes Traumbild zu beschwören?

Bigband, Spielmannszug, sinfonisches Blasorchester, Brassband… Es gibt gute, bewährte Formate für Blasinstrumente. Aber sie sind längst nicht alles. Unser Autor greift tief in den Plattenschrank und präsentiert Ensembles, die faszinierend anders sind. Zum Nachhören, Nachforschen, Nachmachen – und als Anregung für eigene Bläser-Ideen.

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